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Die Pandemie und die Philosophie: Michel Foucault und die Lehre aus der Geburt der Klinik (03/2022)

Lesezeit: 
19 Minuten

Zusammenfassung

Michel Foucault erarbeitete die Geschichte der Disziplinierung und der Klinik. Deren Spannung zwischen Disziplinierung und humanem Streben nach Freiheit wirkte nach. Der Beitrag versucht, Einblick in diese Arbeiten zu geben. Im 18. Jh. pflegte man Wahnsinnige als Kranke zu erfassen, aber Juristen trachteten, sie zu bestrafen. Im Mittelalter und danach waren Ausschlussmaßnahmen und Disziplinierung üblich. In Frankreich kam auch die Idee der Freiheit zum revolutionären Durchbruch. Dass sich Hygienemaßnahmen des Staates wie ein Ausnahmezustand anfühlen, ist neu in der Gesellschaft. Die Pandemie zeigte, wie Wissenschaft orientiert ist. Sie soll Ruhe schaffen, muss aber mit Ungewissheiten operieren.

Schlüsselwörter: Disziplinierung, Klinik, Foucault, Pandemie, Wahnsinn

Abstract

Michel Foucault elaborated histories of discipline and the clinic. The tension between discipline and the human striving for freedom has had a lasting effect. This article tries to provide insights into this work. In the 18th century, insane people used to be registered as sick, but jurists sought to punish them. In the Middle Ages and thereafter, exclusion and discipline were common. In France, the idea of freedom also made a revolutionary breakthrough. Sanitary measures taken by the state that felt like a state of emergency was new to society. The recent pandemic showed how science is oriented. It is supposed to create calm but must operate with uncertainties.

Keywords: discipline, clinic, Foucault, pandemic, insanity

 

 

Das 21. Jahrhundert ist noch jung. Und doch scheinen wir zu wissen, dass es mit dem 20. Jahrhundert nicht mehr wirklich viel Gemeinsames hat. Digitalität, Seuche, Klimaerwärmung, Krieg etc. sind die Realitäten der Gegenwart und doch wissen wir nach nur einem kurzen Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass auch in diesem Saeculum das Katastrophische sehr präsent war, also etwa exakt vor hundert Jahren. Zudem hat die Corona-Pandemie auch die Philosophie bzw. die Philosophen herausgefordert. Viele Vertreter dieser ‚Disziplin‘ haben sich öffentlich zu Wort gemeldet. Vor allem auch junge Philosophen aus Deutschland, man denke nur an Richard David Precht oder an Markus Gabriel.

Wir können aber nicht nur vom 20. Jahrhundert lernen, sondern auch von Arbeiten, die die Zivilisationsgeschichte seit der Antike bzw. dem Mittelalter untersuchten. So hat der französische Ideenhistoriker und Philosoph Michel Foucault sehr präzise die Geschichte der „Disziplinierung des Humanen“ sowie der Klinik in seinen Werken aufgearbeitet. Die darin geschilderte Spannung zwischen der Disziplinierung und dem menschlichen Freiheitsstreben wirkt bis heute nach und ist noch ganz allgemein spürbar.

Michel Foucault (1926-1984), der gewiss zu den schillerndsten Repräsentanten der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts zählt, hat einen Faden und somit eine klare Kontinuität in seinem Forschen aufzuweisen, wie sein in diesem Jahr verstorbener Kollege im ‚Collège de France‘ Paul Veyne1 bemerkte. So wie der deutsche Historiker Reinhart Koselleck die Zeit um das Jahr 1750 als die „Sattelzeit“[2] (verstanden als Übergang in die Moderne) bezeichnete, indem sich die verschiedenen Geschichten zu einer Universalgeschichte vereinheitlichen, so hat Michel Foucault dasselbe Ereignis um das Jahr 1775 für den französische Raum angesetzt.

Um diese Zeit erhielt die Vernunft – philosophiehistorisch gesehen – eine zeitliche Dimension eingeräumt, die sich sodann in Friedrich W. Hegels Entwicklungslogik als erscheinender Weltgeist manifestieren wird. Zugleich verabschiedete man eine in den Einzelgeschichten waltende Weltvernunft, die als allgegenwärtig angenommen wurde. Für Michel Foucault ist die Vernunft der unsichtbare Gegenstand, um den seine Philosophie kreiste, wenn dies auch viele Interpreten vorschnell verleitete, ihn als gegenaufklärerischen, etwas irrationalen Destrukteur der Vernunft zu entlarven.[3]

Politisch ist das 17. Jahrhundert in Frankreich vom endgültigen Durchbruch der zentralistischen Tendenzen in Form der absoluten Monarchie gekennzeichnet. Gleichzeitig wächst die politische und wirtschaftliche Macht des Bürgertums, das innerhalb der Strukturen des Absolutismus die Apparate der Justiz-, Polizei- und Finanzverwaltung zu besetzen beginnt.

Im Jahr 1656 wird das Dekret zur Gründung des ‘Hopital général’ in Paris erlassen. Nicht die Sorge um die Krankheit, sondern wirtschafts- und bevölkerungspolitische Motive liegen gemäß Michel Foucault der Einrichtung solcher Anstalten zugrunde. Die Anstalten haben den Auftrag, die Müßiggänger mittels physischer und moralischer Zwangsmaßnahmen, vor allem mittels Disziplinierung durch Arbeit, in die sicheren Autoritätsverhältnisse zurückzuführen.

Im 17. Jahrhundert – so die damals zeitgenössische Klage – sei die Faulheit zum schlimmsten Laster avanciert. Sie galt als die radikalste Form der Revolte gegen die göttliche und die gesellschaftliche Ordnung. In die Verfolgung und Bestrafung eines Müßigganges ist der Wahnsinnige mit einbezogen.[4] Die Anstalten hatten aber keine unmittelbar wirtschaftlichen Vorteile und brachten der Gesellschaft keinen Nutzen, da sie als Stätten billigster Arbeitskraft eine unerwünschte Konkurrenz schufen. Doch der Wahnsinn wurde schlicht nicht mit Arbeitsverweigerung oder Straffälligkeit gleichgesetzt, auch wenn er für das gesellschaftliche Empfinden primär ein Ärgernis darstellte. Es gab dann wohl im 18. Jahrhundert Versuche, Wahnsinn als Gegenstand der Heilkunde zu erfassen, aber die Rechtsgelehrten hatten die Kompetenz, Wahnsinn zu definieren, für sich in Anspruch genommen. So ist die Geisteskrankheit, bevor sie zum Gegenstand der Medizin wurde, ein Problem der Rechtslehre und der Politik. Wahnsinn wird nicht als unverschuldete Zerrüttung des Geistes begriffen, sondern als freiwillige Verschwörung mit dem Bösen, die nach permanenter Bestrafung ruft.[5]

Foucaults zweites größeres Buch nach „Wahnsinn und Gesellschaft“ war „Die Geburt der Klinik: Eine Archäologie des ärztlichen Blicks“ (frz. “Naissance de la clinique: une archéologie du regard médical”) und wurde im Jahr 1963 veröffentlicht. In Fortsetzung von Wahnsinn und Gesellschaft spürt die „Geburt der Klinik“ der Entwicklung der Medizin und besonders der Institution der Klinik nach, womit hauptsächlich die universitären Lehrkrankenhäuser gemeint sind. Das Konzept des Blickes hat in der Folge einige Diskussionen ausgelöst: Die Neuorganisation des Spitalwesens, die Entstehung der modernen Klinik sowie die Abkoppelung von den ärztlichen Praxen, des Weiteren die systematische Untersuchung von Verstorbenen und die daraus resultierende pathologische Anatomie sowie die neuen ärztlichen Fachsprachen – all das entziffert der Autor als Anzeichen eines neuen, rationalen Umgangs mit Krankheit und Tod. Die Krankheit ist nicht mehr das Unheil schlechthin, sondern ein endliches, körperliches Netz von Symptomen, das der ärztliche Blick emotionsfrei offenlegt. Der Tod ist kein metaphysischer Abgrund mehr, sondern eine dem Körper inhärente Möglichkeit. Indem die Medizin dem Menschen auf diese Weise einen Spiegel radikaler Endlichkeit beständig vorhält, rüttelt sie an einer zentralen Stelle im System der Humanwissenschaften.

In der Tradition des französischen Wissenschaftshistorikers Gaston Bachelard[6], den Michel Foucault als dessen Schüler sehr verehrte, eliminierte er jedoch in der Folge den Tod als Erkenntnis aus der Bewusstseinsphilosophie heraus und führte
bzw. integrierte das Bewusstsein des nahenden Todes in ein für jene Zeiten – rund um das 18. Jahrhundert – modernes Technikverständnis. Wissenschaft wird nicht mehr als reines Denken begriffen, sondern als Praxis.

In Bachelards Werk „Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes“, das im Jahr 1938 in Frankreich erschien, führt er seine generelle These von der Diskontinuität jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis in einer historischen Untersuchung ein. Sie bezieht sich auf die exakten Wissenschaften des 16. bis 20. Jahrhunderts. Einsteins Relativitätstheorie bildet dabei eine geradezu revolutionäre Schlüsselerfahrung.

Die Geschichte der Wissenschaften verläuft daher krisenhaft und jede Krise endet mit einer vollständigen Umwälzung des Wissenssystems, wie es einmal der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch ausdrückte.7 Und weiter: Gaston Bachelard „plädiert für ein dynamisches Denken, das nicht nach Gewissheit und Einheit strebt, sondern die Betrachtung des Gleichen verlässt, um das Andere zu suchen.“

Aber auch dem Epistemologen und philosophierenden Arzt Georges Canguilhem (1904-1995) fühlt sich Michel Foucault sehr nahe. Bachelards Konzeption hat bei seinen Schülern Georges Canguilhem und Michel Foucault eine direkte Nachfolge gefunden und kann als Vorwegnahme der Thesen von Thomas Samuel Kuhn zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen gesehen werden.[8]

„Ausschluss“ und „Einsperrung“ sind Kategorien, die während der Corona-Pandemie (man denke an die diversen Lockdowns) wieder aktuell geworden sind, und in deren Historiographie der Geschichte zur Klinik an ihrem Anfang standen. Nach Michel Foucault waren zwar im späten Mittelalter Maßnahmen des Ausschlusses und der Einsperrung durchaus gebräuchlich, eine systematische Ausschließung findet aber erst im Zeitalter der Klassik statt.

Zu Michel Foucaults politischer Theorie der Macht

Wie viele Philosophen seiner Generation kommt Michel Foucault aus der französischen positivistischen Schule, für die die Philosophie über die Geschichte der Begriffe läuft, wie sie in den diversen Fachwissenschaften anzutreffen sind.[9] Aus solch einer nominalistischen Position leitet er auch seine Analyse der Macht her, über die er hypothetisch folgende Basisannahmen traf:

  1. Die Macht ist omnipräsent und dispers, doch sie wirkt auch zielgerichtet auf Objekte ein, so insbesondere auf menschliche Körper.
  2. Die Macht ist in ständiger Bewegung und als solche ist sie das gestaltende Prinzip. Sie ist nur als Verhältnis zwischen Punkten zu fassen, das sich in Dispositiven (= Vorkehrungen) verfestigt.
  3. Die Macht ist eine Strategie und zwar eine politische, obwohl es kein einheitliches politisches Zentrum gibt.
  4. Der allgemeine Erscheinungsort der Macht ist der Diskurs. Hier wird sie gestaltet, hier gelangt sie zur Wirkung.
  5. Die Macht ist nur als positive Realität zu begreifen und die Negation ist ihr positiv einverleibt.
  6. Der Widerstand gegen die Macht ist selbst von der Macht durchdrungen.

Das Ziel der Herrschaft muss seit dem 16. Jahrhundert im Wohlergehen aller bestehen, wozu der Gehorsam der Subjekte und ihr Respekt vor der etablierten Ordnung notwendig sind. Diese Kunst des Herrschens wurde im 17. Jahrhundert von der Theorie des Regierens abgelöst, bedingt durch die Bauernaufstände und den Merkantilismus. Von da an wurden die Tugenden des Regierens wie die Geduld, die Weisheit und die Sorgfalt hervorgehoben, um gegenüber den Regierten Sorgfalt zu wahren, so die Thesen Foucaults.

Politisch ist ja in Frankreich das 17. Jahrhundert dadurch gekennzeichnet, dass der Durchbruch zentralistischer Tendenzen der absoluten Monarchie endgültig gelingt. Auch erwachen erstmals Staatsideen, die den säkularen Staat, also die Trennung der weltlichen von der kirchlichen Macht- und Einflusssphäre, vorsehen. Man denke nur etwa an Jean Bodin und dann im 18. Jahrhundert an Jean Jacques Rousseau sowie Charles de Montesquieu.

Nachdem im 18. Jahrhundert wissenschaftliche Erhebung und Beschreibung durch die Statistiken einsetzt, steigt der Legitimationsbedarf der Herrschenden ein weiteres Mal, da dem Souverän Vorsorgemaßnahmen im bevölkerungspolitischen Sinn zusätzlich zur Obliegenheit werden.

Nachdem also in Frankreich sowohl die Disziplinierung der Bevölkerung auf breiter Basis stattgefunden hat als auch die Idee der Freiheit im Sinne der griechischen Antike zum staatspolitischen Durchbruch gelangte, stellte sich für Michel Foucault die Frage, auf welche Weise dies ideenpolitisch historisch zu rekonstruieren sowie zu verstehen sei. Und dies beschäftigte ihn die längste Zeit seines Lebens.

Nicht zuletzt deshalb entwarf er eine „Archäologie des Wissens“[10], um eine Art von strukturalistischer Ideengeschichte entwerfen zu können. Präzisiert wurde es dann inhaltlich zu dem Themenkomplex Ethik, Hygiene und staatliche Kontrollmacht.

Dass sich kollektive Hygienemaßnahmen des Staates wie ein Ausnahmezustand anfühlen, ist relativ neu für unsere Gesellschaft. Die Wurzeln dieser Form von Biopolitik liegen bereits im 18. Jahrhundert, als die Verbindung zwischen der Gesundheit der Bevölkerung und dem Funktionieren von Ökonomie erkannt wurden. Waren Monarchen früher Instanzen, die über den Tod der Untertanen entscheiden konnten, sollte der Staat nach dem II. Weltkrieg mit allen Mitteln das Leben der Einzelnen garantieren können. Mit klaren Folgeerscheinungen, wie man gegenwärtig sehen kann.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war das Spital jener Ort, den kaum jemand lebend verlassen hatte. Man ging in diese Institution, um darin zu sterben. Seither entwickelte die Medizin schrittweise genügend Macht, um zu erreichen, dass bestimmte Kranke das Spital verlassen konnten.

Noch der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte, so bemerkte Michel Foucault, habe Preußen im Jahr 1810 als einen „geschlossenen Handelsstaat“ (der Staat suchte maximal Arbeitskräfte für die Wirtschaft) bezeichnet. Die gegenwärtige Gesellschaft könne man hingegen als einen ‚offenen Medizinstaat‘ bezeichnen, in welchem die ‚Medizinisierung‘ grenzenlos erscheine. Insofern könne man auch gewisse Widerstände sowohl seitens der arbeitenden Bevölkerung als auch bestimmter medizinischer Fachexperten gegen diese sogenannte dauerhafte ‚Medizinisierung‘ erklären.[11]

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, schrieb der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt in den 1920er Jahren in seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“.[12] Dass sich der Souverän nun ausgerechnet mit Hygienemaßnahmen auf dem Terrain der Notstandspolitik bewegt, verwunderte Epidemiologen und Historiker nicht wirklich.

Die Theorie der Souveränität ermöglicht es, diskontinuierliche und zeitlich abgestufte Verpflichtungen in rechtliche Kategorien umzusetzen: Sie ermöglicht nicht die Kodifizierung einer permanenten Überwachung. Sie ermöglicht aber, die Macht auf die physische Existenz des Souveräns zu gründen, nicht jedoch auf kontinuierliche Überwachungssysteme.[13]

Die Humanwissenschaften bilden die Grundlage für die Gesetzgebung und die gesellschaftliche Disziplinierung. Durch ihren Fortschritt in Richtung exakter Wissenschaften beschleunigten sie den allgemeinen Prozess der Normalisierung hin zur Ordnung des Staates. Doch das bürgerliche Recht der Souveränität, das zunehmend mit den Macht- und Wissenswirkungen der Humanwissenschaften kollidiert, lässt sich nicht mehr als Waffe gegen Disziplinarzwänge ins Feld führen, da es ein zweiter, konstitutiver Bestandteil des allgemeinen Machtmechanismus geworden ist.

Hinter der Frage der Legitimität der Macht steht die Korrelation dreier Topoi, die in der abendländischen Philosophie gleichsam einen eigenständigen Raum ihrer inneren Diskursivität beibehalten konnten. Es sind dies das Recht und seine Regeln, die Macht und ihre Mechanismen sowie die Wahrheit mit ihren Wirkungen. Denn was die Intensität der Macht anbetrifft und nicht ihren Mechanismus, so kann man Macht nur über die Produktion von Wahrheit ausüben. Man ist von der Macht gezwungen, die Wahrheit zu produzieren bzw. geradezu verurteilt, sie zu finden.[14] Sichtbar wird aber dabei auch, dass die Machttheorien der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ihren Rückgriff bei Friedrich Nietzsche finden.[15]

Denn nach Michel Foucault habe man im 18. Jahrhundert begriffen, dass es nicht mehr nur um das ‚Volk‘, sondern um die ‚Bevölkerung‘ gehe. Diese sei zentraler Reichtum und grundlegende Ressource eines Staates und die Regierenden hätten entdeckt, dass sie es nicht nur mit Untertanen, auch nicht bloß mit einem ‚Volk‘, sondern mit einer ‚Bevölkerung‘ mit speziellen Problemen und eigenen Variablen zu tun haben wie zum Beispiel Geburtenrate, Sterblichkeit, Lebensdauer, Fruchtbarkeit, Gesundheitszustand etc.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts stößt die Institution der Internierung zunehmend auf Kritik, besonders seitens der Philanthropen, die sich gegen die unterschiedslose Behandlung von Irren und Verbrechern empörten sowie vonseiten der politischen Opponenten, die gegen die erniedrigende Einsperrung protestierten. Die Pflege der Kranken ist gemäß der Auffassung liberaler Ökonomen eine Pflicht der Familie, nicht des Gemeinwesens.

Im Jahr 1793 übernimmt der französische Arzt Philippe Pinel die Leitung einer Anstalt in Frankreich und im Jahr 1796 eröffnet der englische Philanthrop William Tuke in York eine Anstalt für Geisteskranke. Philippe Pinel wie William Tuke hatten das Ziel verfolgt, physische Brutalität in der Behandlung zu eliminieren, was jedoch nach Michel Foucault nicht ausschließlich als Befreiung gesehen werden darf. Die Aufgabe der Behandlung bestand vielmehr darin, den Kranken mit der gesellschaftlichen Konformität zu versöhnen, in die Arbeit einzugliedern und den herrschenden Moralvorstellungen zu unterwerfen.[16]

„Die Staaten bevölkern sich nicht gemäß dem natürlichen Gang der Fortpflanzung, sondern aufgrund ihrer Industrie, ihrer Produktionen und verschiedener Institutionen“, zitiert Michel Foucault den französischen Ökonomen Claude-Jacques Herbert, der in seiner “La police générale des grains” aus dem Jahr 1753[17] die enge Verbindung von Biologie und Ökonomie auf den Punkt brachte: „Die Menschen vermehren sich wie die Erträge des Bodens oder die Gewinne und Einkommen, die sie in ihrer Arbeit finden.“ Durch das gesamte 19. Jahrhundert habe sich dieser Ansatz, dass der Staat Erhalt und Pflege des Körpers an den Einzelnen als „moralische Aufgabe“ delegiert, gehalten, so Michel Foucault. Erst mit der Nachkriegsordnung ab dem Jahr 1945 wurde dieser Zusammenhang laut Foucault auf neue Beine gestellt.

Die Bedeutung Michel Foucaults für die Gegenwart

Für die Bevölkerung führte die Einschränkung von Bewegungsfreiheiten fast schon zu einem Gefühl des Grundrechtsverlustes. War das Spazieren außer Haus ein demonstratives Aufbegehren gegen die Staatsgewalt? Oder doch nur ein Akt einer persönlichen Gesundheitsmaßnahme; grundiert von der Frage: „Haben wir nicht gerade auch ein Grundrecht auf Gesundheit?“

Es ist ja der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und jedes Einzelnen, der momentan weitgehende Eingriffe und Ermächtigungen des Staates rechtfertigt, wie es in Österreich etwa das inzwischen wieder abgeschaffte Epidemiegesetz vorsah. Dass dies so ist, kann man in einigen historischen Entwicklungen verorten. Michel Foucault hat dafür im Wesentlichen zwei historische Umbrüche namhaft gemacht: Zum Ersten die schon erwähnte Verzahnung von Machtökonomie und Biologie in den Staatsrechtstheorien ab dem mittleren 18. Jahrhundert. Und zum Zweiten den britischen „Beveridge-Plan“ aus dem Jahr 1942, der nicht nur die Steuerfinanzierung des Gesundheitswesens anregte, sondern so etwas wie ein Recht auf Gesundheit des Einzelnen vorsah.

Die moderne Medizin und ihre Konfliktlinien

Im Jahr 1974 hielt Michel Foucault in Brasilien einen Vortrag, der sich mit dem Funktionieren des medizinischen Systems in den Industriestaaten auseinandersetzte. Schon damals war von einer Krise unseres medizinischen Systems die Rede und es schwelte eine breite Diskussion darüber, ob die moderne, technisierte Medizin nicht ein Interesse an kranken, sondern vielmehr an den gesunden Menschen habe. Die Speerspitze dieser Debatte war der in Österreich geborene und in den USA lebende Philosoph und Priester Ivan Illich (1926-2002), der zu einem der Hauptmentoren von Alternativbewegungen in den 1970er Jahren werden sollte. Ivan Illich war der Autor des Buches „Die Nemesis der Medizin“.[18]

Gegen die Fundamentalkritik Ivan Illichs bemühte Michel Foucault seine eigene Forschung seit den 1960er Jahren, etwa in Werken wie „Die Geburt der Klinik“. Darin kam er auf die „Biopolitik“ des Staates. Michel Foucault erinnert in seinen Ausführungen an den britischen „Beveridge-Plan“ aus dem Jahr 1942, der auf dem Höhepunkt des II. Weltkrieges, der Millionen Menschen das Leben kostete, das fundamentale Recht auf Gesundheit stärkte.

Der „Beveridge-Plan“ zeige, so Michel Foucault, dass der Staat die Verantwortung für die Gesundheit übernehme. Allerdings, so ergänzte er dabei, habe die Erhaltung der Gesundheit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bedeutet, dass ein Staat damit hauptsächlich den Erhalt der physischen Kraft der Nation, ihrer Arbeitskraft, ihres Produktionsvermögens sowie ihrer militärischen Stärke bedeutete. Infolge des „Beveridge-Plans“ verwandle sich die Gesundheit in einen Gegenstand, um den sich Staaten nicht mehr um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen kümmern.[19]

Das Recht, die Arbeit unterbrechen zu dürfen, nimmt unter diesen Voraussetzungen erstmals Gestalt an und wird wichtiger als die alte Pflicht zur Sauberkeit, die für die moralische Beziehung der Individuen zu ihren Körpern kennzeichnend war. Für die westliche Welt sind nach Michel Foucault die Jahre zwischen 1940 und 1950 eine sogenannte „Referenzperiode“. Seither ist der individuelle Körper Hauptziel für die staatlichen Eingriffe und zu einem jener großen Gegenstände geworden, für die der Staat Verantwortung übernommen hatte.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben differenzierte in der Folge diesen Ansatz zur Biopolitik stärker aus und blickte genau dorthin, wo Staaten über die Organisation zivilgesellschaftlicher Initiativen, NGOs etc. die Individuen sich erst recht wieder neuen Lebensgefahren aussetzen ließen.[20] Im Gegensatz dazu ist für Michel Foucault die Gesellschaft zu einer sogenannten „Normalisierungsgesellschaft“ unterwegs, wie er in „Der Wille zum Wissen“ schreibt.

Die Corona-Pandemie hat zunächst allen vor Augen geführt, in welcher Weise sich die Wissenschaft orientiert, im Besonderen an der Virologie, auf deren Expertise sich die Politik weitgehend verlassen musste. Experten und Wissenschaftler mussten vor die Medien bzw. an die Öffentlichkeit treten und Fragen von Journalisten beantworten, die sie zum Teil regelrecht überforderten, währenddessen sich die Politiker aus leicht nachvollziehbaren Gründen und Eigenschutz im Hintergrund hielten.

Und dennoch fehlten zeitweise neben genügend Medikamenten und Impfstoffen auch eindeutige Prognosen zur tödlichen Wirkung und Verbreitung dieser Epidemie. Denn es handelt sich hier nicht mehr um leicht verfolgbare Kausalitäten, die zuverlässige Berechnungen ermöglichen, sondern um in ständigem Wandel begriffene Verläufe.

Wissenschaft, die der Politik Gewissheit verschaffen soll, muss selbst mit hohen Ungewissheiten operieren. An der Virologie, die sich im Verlauf der Krise auch durch ein erfolgreiches Informationsmanagement breite Anerkennung und großes Vertrauen bei Politikern und der Bevölkerung erworben hat, ist deutlich geworden, dass sich der Informationsstand der Wissenschaft laufend ändern kann, ihr Wissen daher immer nur vorläufig und somit entsprechend umstritten ist. Die Wissenschaft liefert daher Orientierungswerte bzw. sie operiert in Fällen wie der Corona-Pandemie nicht im ‚Wissens-Modus‘, sondern im ‚Orientierungs-Modus‘.[21]

„Dürfen Virologen und Experten das Sagen haben?“ fragte das deutsche Wochenmagazin „Der Spiegel“ in einer Ausgabe aus dem Frühjahr 2020 und setzt fort: „Unwirklich kann es einem aber auch vorkommen, wenn eine gesunde Wirtschaft ruiniert wird, um die Idealvorstellungen von Virologen und anderen Medizinern ins Werk zu setzen.“[22] Mit Blick auf historische Entwicklungen und darin angelegte Machtmuster – entsprechend der Macht- und Diskurstheorie von Michel Foucault – wird man zum Schluss kommen: Entwickelte Staaten werden vor dem beschriebenen Hintergrund, das Leben garantieren zu müssen, vermutlich nicht anders entscheiden. Mit Giorgio Agamben bleibt aber auch die Frage im Raum, ob sich in den letzten Jahren westliche Demokratien aus unterschiedlichen Gründen nicht allzu sehr mit diversen Ausnahmezuständen23 arrangiert haben. Diese Fragen entscheiden zu müssen, ist für die Politik immer risikoreich und sie hat sich in den ‚Orientierungs-Modus‘ zu begeben. Sei es mit Hilfe verschiedener Wissenschaften oder mit Hilfe der Philosophie, die seit ihrem antiken Anbeginn eine Orientierung anbietet. Abschließend drängt sich ein Gedanke aus der historischen Beobachtung auf: So wie vor etwa 250 Jahren im sogenannten ‚Zeitalter der Aufklärung‘ die Kirche sich aus dem Staat und der Öffentlichkeit zurückzuziehen hatte, so ähnlich ergeht es heute den exakten Wissenschaften, indem sie sich für ihre Forschungen rechtfertigen und zum Teil auch abdanken müssen.

 

Anschrift des Autors:

Dr. Wilhelm Donner
Vormaliger Chefredakteur der Fachzeitschrift
„Soziale Sicherheit“ der österr. Sozialversicherung
wilhelm.donner(at)aon.at

  1. Vgl. Prelot M., Lescuyer G., Histoires des idées politiques, Edition Dalloz, Paris (1980).
  2. Vgl. Koselleck R., Kritik und Krise. Zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Verlag Karl Alber, Freiburg/München (1959).
  3. Vgl. Amery A., Archäologie des Wissens. Michel Foucault und sein Diskurs der Gegenaufklärung, Die Zeit, Nr. 14 vom 31.3.1978. S. 44-45.
  4. Siehe Foucault M., Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. (1969).
  5. Siehe Marti U., Michel Foucault, Beck’sche Reihe: Große Denker, München (1988). S. 18 f.
  6. Gaston Bachelard (1884-1962) unterrichtete am Lehrstuhl für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Sorbonne. Er kritisierte die Vorstellung der Unveränderlichkeit in Descartes’ cogito: Nicht „Ich denke, also bin ich“, sondern „Ich denke Differenz, also ändert sich mein Ich“.
  7. Vgl. Welsch W., Unsere postmoderne Moderne, Akademie-Verlag, Berlin (2002).
  8. Vgl. Kuhn T. S., The Structure of Scientific Revolutions, Chicago (1962).
  9. Vgl. Descombes V., Das Selbe und das Andere. 45 Jahre Philosophie in Frankreich. 1933-1978, Suhrkamp-Verlag. Frankfurt/M. (1981), S. 131.
  10. Siehe Foucault M., Archäologie des Wissens, Dt. Erstauflage, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. (1981).
  11. Siehe u. a. auch Hohlbrugger G., Pflegenotstand und moderne Medizin. Eine Herausforderung für uns alle, Reihe Scientia, Plattform Verlag, Wien (2022).
  12. Schmitt C., Der Begriff des Politischen, Duncker & Humblot GmbH, Berlin (1963) (Nachdruck und 1. Neuauflage von 1932).
  13. Siehe Foucault M., Recht der Souveränität – Mechanismus der Disziplin, in: Ders., Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Merve Verlag, Berlin (1978), S. 75-95, im Besonderen S. 90.
  14. Vgl. ebd., S. 76.
  15. Siehe u. a. auch Frank M., Zur jüngeren Machttheorie als Fundierung der Archäologie, in: Ders., Was ist Neostrukturalismus? Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. (1984), S. 237-243.
  16. Siehe Marti U., siehe Ref. 5, S. 20 ff.
  17. Siehe Herbert C.-J., La police générale des grains, Gale Ecco, Print Editions, Paris (2010).
  18. Illich I., Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg (1981).
  19. Siehe u. a. Foucault M., Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Band 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. (1987).
  20. Siehe Agamben G., Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. (2002).
  21. Siehe Stegmaier W., Orientierung in der Corona-Krise. Vom Wissens-Modus in den Orientierungs-Modus, Information Philosophie (2020); 3: 8-23.
  22. Siehe Dworschak M., Plötzlich regieren uns Virologen. Mediziner haben jetzt viel Einfluss auf politische Entscheidungen, obwohl sie selbst noch zu wenig über den Gegner wissen, Der Spiegel, 23.3.2020.
  23. Siehe Agamben G., An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik, Verlag Turia & Kant, Wien/ Berlin (2021).