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Wiederherstellende Kinderwunschtherapie (03/2023)

Lesezeit: 
22 Minuten

Zusammenfassung

Die Fruchtbarkeit verbessern, sodass eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg eintreten kann – das ist der Ansatz der wiederherstellenden Kinderwunschtherapie. Die Therapie ist abhängig von der Ursache der Störung und wird detailliert, strukturiert und individuell eingesetzt. Sie umfasst medikamentöse, hormonelle und chirurgische Elemente ebenso wie Ernährung und Lebensstil von Mann und Frau. Das International Institute for Restorative Reproductive Medicine bietet weltweit wissenschaftliche Basis, Forschung und Weiterbildung. Der Einsatz der wiederherstellenden Reproduktionsmedizin wird am Beispiel der FertilityCare-Klinik in Kleve dargestellt.

Schlüsselwörter: Natürliche Kinderwunschtherapie, FertilityCare, wiederherstellende Fertilitätsmedizin

Abstract

Improving fertility so that pregnancy can occur naturally: this is the approach of restorative reproductive medicine. The nature of the treatment used depends on the underlying disorder and is then applied in a detailed, structured, and individual manner. It includes medical, hormonal, and surgical elements, as well as diet and lifestyle. The International Institute for Reproductive Restorative Medicine provides the scientific foundation for this, conducting research and training around the world. The use of restorative reproductive medicine by the FertilityCare Clinic in Kleve is used as an example.

Keywords: natural fertility therapy, FertilityCare, restorative reproductive medicine

1. Einführung

Am 25. Juli 1978 – vor genau 45 Jahren – fand eine Geburt statt, die die Gynäkologie und Geburtshilfe weltweit revolutionierte: Louise Brown, das erste ‚Reagenzglas-Baby‘ wurde geboren. Sein Entstehen stellte nicht nur einen Meilenstein, sondern eine Kehrtwende in der Reproduktionsmedizin dar.

In den 1980er Jahren waren verschiedene Hormontherapien zur Verbesserung des weiblichen Zyklus bereits etabliert und Operationen an den inneren Geschlechtsorganen der Frau zur Verbesserung von deren Funktion gehörten zum Repertoire vieler Gynäkologen. Verschiedene Methoden der Zyklusbeobachtungen und die Kenntnis der fruchtbaren Zyklustage wurden weltweit bekannter, naturheilkundliche Kenntnis zur Verbesserung des Zyklus wurde durch viele Gynäkologen eingesetzt. Paaren mit Kinderwunsch konnte also geholfen werden, kinderlose Paare konnten ihre Chance auf eine biologische Elternschaft durch verschiedene Therapien verbessern.

Allerdings waren Indikationsstellung, medizinische Unterbauung und Erfahrung – und vor allem der Erfolg der oben genannten Therapien zum Teil erheblich limitiert. Therapien zur Verbesserung der männlichen Fertilität standen kaum zur Verfügung. Mit der Einführung der extra-korporalen Befruchtung gab es (endlich) die Möglichkeit, unabhängig vom Krankheitsbild schwanger zu werden: egal, ob beide Eileiter verschlossen waren, die Spermienqualität des Mannes ungenügend, ein Hormonproblem oder psychische Beschwerden bestanden – die Ursache des Fruchtbarkeitsproblems war nun nicht mehr relevant. Die Befruchtung konnte nun – unabhängig vom Problem – außerhalb der Frau stattfinden, der Embryo im Brutkasten herangezüchtet und nach einigen Tagen in die Frau transferiert werden.

Die künstliche Befruchtung ist allen anderen Methoden in den Fällen signifikant überlegen, in denen beide Eileiter verschlossen sind, das heißt eine natürliche Konzeption nicht möglich ist. Für diese Indikation wurde die IVF entwickelt. Inzwischen sind viele relative Indikationen dazugekommen: Endometriose, Hormonprobleme, psychische Probleme, männliche Subfertilität und ‚idiopathische‘ (= unbekannte) Ursachen. Die Vorgehensweise ist in allen Fällen dieselbe: unabhängig von der Ursache des Fruchtbarkeitsproblems wird der normale Zyklus der Frau ausgeschaltet und durch einen künstlichen ersetzt. Das Verfahren stellt eine Art Bypass, eine Umgehung des tatsächlichen Problems, dar.

Und in der Tat, die Reproduktionsmedizin hat seitdem eine Metamorphose erlebt. Die künstliche Befruchtung mit ihren verschiedenen Variationen wurde im Prinzip weltweit durch die gynäkologischen Fachgesellschaften als Standard-Methode der Kinderwunschtherapie implementiert.

Schaut man auf die Erfolgszahlen der künstlichen Befruchtung, so ergibt sich ein eher ernüchterndes Bild: Eizelle + Samenzelle = Embryo = Lebendgeburt ist eine Gleichung, die der Realität nicht standhält. Seit Jahren liegen die Lebendgeburtsraten bei IVF unverändert bei ca. 20-25% pro Zyklus. Die Zahlen sind weitgehend identisch in den verschiedenen europäischen Ländern, wobei nicht in allen Ländern eine korrekte Auswertung der IVF-Zahlen erfolgt.

Die folgenden Angaben aus dem deutschen IVF-Register (DIR)[1] beziehen sich nur auf die Zyklen, in denen tatsächlich ein Embryotransfer erfolgt ist. Begonnene Zyklen, die dann abgebrochen wurde, werden nicht mitgezählt: „Die Geburtenraten pro Embryotransfer betrugen im Jahr 2020 im Frischzyklus 23,5%, im Kryozyklus 21,1%.“ Die Geburtenraten pro Embryotransfer betrugen in den Jahren 2016-2020 im Durchschnitt 24,8%. Der Anteil der Frühgeburten (Geburt vor der 37. SSW) bei Einlingen lag im Jahr 2020 bei 18%, bei Zwillingen bei 83%, bei Drillingen 100%.“[2]

Der ärztliche Eingriff in die Konzeption hat nicht nur wie oben beschrieben enorme Veränderungen im medizinischen Bereich ausgelöst, sondern auch eine Vielzahl von Fragen im Hinblick auf soziale, finanzielle, juristische und ethische Konsequenzen aufgeworfen.

Im vorliegenden Artikel wird auf diese – wichtigen – Fragen jedoch nicht eingegangen. Auch Details zum Vorgehen bei den verschiedenen Formen der künstlichen Reproduktionsmethoden werden nicht besprochen. Der Artikel widmet sich vielmehr einem anderen Ansatz der Kinderwunschtherapie: der wiederherstellenden Kinderwunschtherapie.

2. Die restaurative Reproduktionsmedizin

Im Schatten dieses oben genannten Umbruchs hat sich ein anderer Ansatz in der Therapie von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch mit großen Schritten weiterentwickelt: die „restaurative (wiederherstellende) reproduktive Medizin“.

Das Ziel der wiederherstellenden reproduktiven Medizin ist die Verbesserung der Gesundheit und Fruchtbarkeit beider Partner, sodass eine natürliche Konzeption ermöglicht wird. „Restaurative Reproduktionsmedizin ist jeder wissenschaftliche Ansatz der Reproduktionsmedizin, der darauf abzielt, mit der normalen Physiologie und Anatomie des menschlichen Fortpflanzungssystems zusammenzuarbeiten oder diese wiederherzustellen. Es werden keine Methoden eingesetzt, die von Natur aus unterdrückend, umgehend oder destruktiv sind. So können Paare ihre eigene Fruchtbarkeit verstehen und gemeinsam mit angemessener medizinischer Hilfe steuern.“[3]

Weltweit haben sich universitäre und nicht-universitäre Einrichtungen der Forschung gewidmet, Gründe für das Ausbleiben einer Schwangerschaft zu diagnostizieren und zu therapieren. Im Jahr 1999 wurde das International Institute for Restorative Reproductive Medicine (IIRRM) gegründet. Ziel ist es, „die hervorragende Qualität in restaurativer reproduktiver Medizin … voranzubringen … durch die Unterstützung von Forschung und Praxis“.[4]

Wissenschaftliche Fortbildungen, lokal und online, Durchführung von Studien und Sammlung von Literatur bilden die Hauptaufgaben des Instituts. “Together. Transforming Reproductive Medicine” ist der Slogan des Instituts, dem fast tausend Ärzte und Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen weltweit angeschlossen sind.

Zu den bekannteren Methoden der wiederherstellenden Fruchtbarkeitsmedizin gehören die Billings-Ovulationsmethode, NaProTechnology, Neofertility und FEMM. Es gibt jedoch eine Vielzahl weiterer Methoden.

Unter den oben genannten und weiteren Verfahren zur Verbesserung der weiblichen und männlichen Fruchtbarkeit hat sich die in den Vereinigten Staaten entwickelte “CreightonModel-FertilityCare” und “NaProTechnology”-Methode am weitesten verbreitet. Diese Methode ist die am besten standardisierte und wissenschaftlich fundierte aller Verfahren.

“NaProTechnology” (= Natural Procreative Technology) ist eine medizinische Diagnostik- und Therapiemethode. Sie wurde in den 1970er Jahren an den Universitäten von St. Louis und Creighton/USA durch Thomas Hilgers entwickelt. Hilgers, Gynäkologe und ehemals Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben, hat in seinem Buch “The Medical and Surgical Practice of NaProTechnology” (2004) die Basis für diese wissenschaftliche Methode gelegt. Inzwischen wurden weltweit mehrere tausend Ärzte in NaProTechnology ausgebildet.

“FertilityCare” – Sorge tragen für die Fruchtbarkeit – ist ein Programm, das ebenfalls durch die Arbeitsgruppe um Hilgers entwickelt wurde. Ein Kursprogramm für Frauen und Paare in verschiedenen reproduktiven Situationen. Kinderwunsch, Familienplanung, Schwangerschaftsvermeidung, Zyklusbeschwerden, Beobachtung der gynäkologischen Gesundheit, etc. sind Indikationen für das Anlernen der Methode. Die Basis bildet eine detaillierte Zyklusbeobachtung nach der FertilityCare-Methode, die durch weltweit mehrere tausend Beraterinnen angeboten wird.

Im deutschsprachigen Raum wurde das FertilityCare-Programm[5] vor ca. 15 Jahren eingeführt. Inzwischen wurden etwa zehn Beraterinnen und fünf Ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgebildet.

3. Wiederherstellende Kinderwunschtherapie am Beispiel der FertilityCare-Klinik Kleve

Die größte deutschsprachige Einrichtung ist die FertilityCare-Klinik[6] am Katholischen Karl-Leisner-Klinikum in Kleve/Niederrhein unter der Leitung der Autorin. Die Klinik wird durch Paare aus ganz Deutschland, den Beneluxländern, Frankreich, Österreich und der Schweiz frequentiert.

Die meisten Paare kommen mit primärer oder sekundärer Sterilität. Das heißt, dass die Frau nicht schwanger werden bzw. bleiben kann. Etwa zwei Drittel der Paare haben bereits andere reproduktionsmedizinische Behandlungen hinter sich.

Auf Grund der teilweise erheblichen geographischen Entfernungen wurde ein long-distance-Protokoll etabliert: Die meisten Konsultationen erfolgen telemedizinisch und Routine-Untersuchungen werden in Heimatnähe durchgeführt. Daher sind nur zwei Konsultationen pro Jahr in Kleve nötig.

Es soll an dieser Stelle nochmals nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass alle Schwangerschaften, die mit Hilfe einer Therapie in der FertilityCare-Klinik entstehen, natürliche Konzeptionen sind. In keinem Fall wird in den Vorgang der Konzeption eingegriffen. Das einzige Ziel jeder Therapie ist das Erreichen einer ausreichenden Fruchtbarkeit des Paares, sodass eine Schwangerschaft auf normalem Weg eintreten kann.

4. Fruchtbarkeitsprobleme: Wie es meistens in der Praxis verläuft

Selbstverständlich versuchen alle Gynäkologen, Frauen, die mit Fruchtbarkeitsproblemen zu ihnen kommen, zu behandeln. Das Spektrum reicht von Hormonbehandlung, Operationen, Temperaturmessen über Ovulationstests und Vitaminpräparaten bis hin zu Naturheilkunde oder Yoga. Hierbei scheinen es eher die Kenntnis und Vorlieben der einzelnen Ärzte zu sein, die die Diagnostik und Therapie leiten. Glücklicherweise werden auf diesem Weg auch Paare schwanger. Besteht jedoch eine Persistenz der Sterilität, stellt sich die Frage nach einer weiterführenden Methode und die Paare werden an ein Kinderwunschzentrum verwiesen.

Je nach Situation und Wunsch des Paares erfolgt dort weitere Diagnostik beider Partner und ev. Zyklustherapie mit Follikelstimulation (Ovulationsinduktion). Alternativ kann eine Serie Inseminationen mit oder ohne Follikelstimulation durchgeführt werden. Die künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation = IVF) mit oder ohne ICSI (= Intra-cytoplasmatische Spermieninjektion = injizieren einer Samenzelle in die Eizelle unter dem Mikroskop) ist dann der nächste Schritt.

5. Die Krankheit behandeln – und nicht nur ihre Symptome

Grundsätzlich besteht für uns als Ärzte der erste Schritt zur Therapie einer Krankheit in der Durchführung einer gründlichen und individuellen Diagnostik. So können die Pathologien erkannt werden, die der Erkrankung zugrunde liegen. Dadurch ergibt sich die Indikation für eine Behandlung, die abgestimmt ist auf die Diagnose und die Situation des Patienten.

Ein Beispiel: Husten ist ein Symptom, dem viele Ursachen zugrunde liegen können: Verschlucken, Erkältung, Lungenentzündung, Bronchialkarzinom um nur einige zu nennen. Zur sicheren Diagnose der Ursache des Hustens bezieht man andere Faktoren wie z. B. Fieber, Gewichtsverlust, Heiserkeit, usw. in die Überlegungen ein. Eventuell erfolgt eine ergänzende Diagnostik wie z. B. ein Röntgenbild oder eine Biopsie, um schließlich zu der Diagnose der tatsächlichen Ursache des Hustens zu kommen. An diesem Beispiel wird deutlich: das Symptom ‚Husten‘ an sich ist nicht ausreichend, um eine Therapie zu indizieren. Es bedarf einer weiteren Abklärung zur Indikationsstellung einer entsprechenden Therapie. Niemand würde auf die Idee kommen, alle Ursachen des Hustens mit derselben Therapie zu behandeln.

In der reproduktiven Medizin ergibt sich jedoch häufig genau dieses Bild: die Therapie der Sterilität ist stets dieselbe – unabhängig von deren Ursache. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Sterilität = das ‚Nicht-Schwanger-Werden-Können‘ an sich ein Symptom ist. Allerdings wurde die ‚Sterilität‘ in der gängigen Nomenklatur als Diagnose aufgenommen.

Im obgenannten Beispiel orientiert sich das Vorgehen des Arztes also an zwei Fragen:

  1. „Was ist die Ursache des Hustens?“
  2. „Wie können wir diese Ursache gezielt behandeln, sodass der Patient gesund bzw. so gesund wie möglich wird?

5.1 Die wichtigste Frage: Was ist die Ursache?

In der wiederherstellenden Medizin geht es um genau diese Frage „Warum – wird diese Frau nicht schwanger oder warum – bleibt diese Frau nicht schwanger?“ Sprich: Was ist die Ursache, was sind die zugrundeliegenden Probleme (des unerfüllten Kinderwunsches)?

Die Frage nach dem ‚Warum?‘ leitet die Diagnostik hin zu den tatsächlichen, zugrundeliegenden Faktoren für das Ausbleiben der Schwangerschaft bzw. die (wiederholten) Fehlgeburten. Die Diagnostik, die in der FertilityCare angewendet wird, ist umfangreich, detailliert und individuell. Es erfolgt immer eine Diagnostik beider Partner. Die Therapie von Mann und Frau orientiert sich dann an den diagnostizierten Abweichungen. Meist ist es nicht nur ein Faktor, sondern eine Kombination mehrerer Probleme, die sich im Ausbleiben der Schwangerschaft äußern.

Kasten

Ein Beispiel

31-jährige Patientin, primäre Sterilität (nie zuvor schwanger gewesen), keine Menstruationen seit 3 Jahren, im Allgemeinen gesund, schlank, Kinderwunsch seit 5 Jahren. Keine Krankheiten in der Vorgeschichte

Mann: keine Erkrankungen, Samenuntersuchung unauffällig

Diagnostik in der FertilityCare-Klinik

Zyklusbeobachtung, Ultraschall, gyn. Untersuchung, Kontrolle der verschiedenen Hormone und des Stressniveaus

Diagnosen

keine Follikelreifung, ausgeprägtes PCOS (Eierstockerkrankung), Endorphinmangel, Nahrungsmittelallergien, normales Stressniveau

Therapie

1. Schritt: Bauchspiegelung: Punktion der Eierstöcke, Eileiterdurchgängigkeitstest (unauffällig), keine sonstigen Auffälligkeiten
2. Schritt: Stimulierung der Follikelreifung mit Letrozol, Ovulationstrigger mit HCG, Unterstützung der Lutealphase mit Progesteron, kohlehydratarme Diät, Nahrungsergänzungsmittel

Verlauf

2 Monate nach der OP normale Zyklen,
2 Monate später schwanger

In der Schwangerschaft

Kontrolle der mütterlichen Hormone und zusätzliche Gabe von natürlichem Progesteron
Unauffälliger Schwangerschaftsverlauf, Geburt in der 39. SSW, normales Gewicht.

 

Inzwischen hat das Paar vier Kinder. In allen Fällen wurde derselbe Therapieplan angewendet. Ohne Therapieplan kam es auch einmal zu einer Schwangerschaft und in der Folge zu einer Fehlgeburt.

5.2 Zyklustherapie und Zuckertherapie

Die Therapie der Zyklusstörungen ist vergleichbar mit der Therapie eines Zuckerkranken: beim Diabetes (Typ I) wird ein Hormon, das Insulin, unzureichend gebildet. Die effektive Therapie ist individuell abgestimmt auf die Situation des Patienten: Gewicht, Sport, Ernährung und vor allem die Funktion des Pankreas. Die Frage ist also: Welche Menge und welche Art Insulin braucht der Patient zu welcher Tageszeit für einen ausgeglichenen Stoffwechsel?

Die medikamentöse Therapie der Zyklusstörungen ist vergleichbar: Zu welchem Zeitpunkt im Zyklus hat die Frau welche Menge von welchem Hormon für eine ausgeglichene Zykluslage nötig? Liegt eine Störung der Reifung des Follikels und damit der Eizelle vor? Besteht ein Ovulationsdefekt oder eine unzureichende postovulatorische Phase? Die Therapie besteht in der individuellen Dosierung der Hormonsubstitution bis zum Erreichen von normalen und ausgeglichenen Hormonleveln.

Ebenso wie es Richtlinien für die Diabeteseinstellung gibt, so bestehen auch Protokolle für die Zykluseinstellung. Im Fall eines Diabetes ist es nötig, den Blutzuckerspiegel regelmäßig zu kontrollieren, um die Dosierung einstellen zu können Wir wissen, dass diese Erkrankung eine individuelle Therapie fordert. Genauso behandeln wir Paare mit dem Symptom ‚Sterilität‘.

5.3 Eine gute Schwangerschaft beginnt mit einem guten Zyklus

Grundlage einer guten Schwangerschaft ist ein guter Zyklus. Dieser wird definiert über einen ausreichend gewachsenen Follikel mit einer reifen Eizelle, einen guten Eisprung, sowie einer guten Lutealphase. Sollte eine Therapie der genannten Faktoren einzeln oder kombiniert nötig sein, so erfolgt eine ‚Ovulations-Induktions-Therapie‘. Dabei werden in der FertilityCare-Klinik dieselben Medikamente angewendet, die weltweit für Ovulationsinduktionen und auch in der künstlichen Reproduktionsmedizin verwendet werden (z. B. Letrozol, Clomifen, HCG, FSH, …). Ihre Wirkungen sind gut unterbaut, sie werden weltweit und häufig angewendet und sind in der Regel gut verträglich.

Hierbei spielt eine Rolle, dass das Ziel der wiederherstellenden Therapie die Reifung eines einzigen Follikels und nicht eine Überstimulierung ist. Daher sind die verwendeten Dosierungen wesentlich niedriger und das Nebenwirkungsprofil deutlich besser. Die meisten Frauen fühlen sich durch den Ausgleich der Hormondefizite besser und fitter.

5.4 Ovulations-Induktion-Plus

Neben den genannten Standard-Untersuchungsverfahren des Zyklusmonitorings wie Blutabnahmen zur Hormonkontrolle und Ultraschalluntersuchungen verwendet die wiederherstellende Reproduktionsmedizin auch eine Zykluskarte. Diese Zykluskarte entsteht durch Selbstbeobachtung der Frau im Hinblick auf spezifische Biomarker wie zum Beispiel das Blutungsmuster, der Zervixschleim rund um den Eisprung oder verschiedene Empfindungen im Vulvabereich. Typische Schwankungen während des Zyklus bzw. Abweichungen davon geben eine Fülle von Informationen über die Physiologie der Genitalorgane.

Die Zykluskarte dient auch als Therapie-Monitoring: zum Beispiel kann eine verkürzte Lutealphase auf einem Progesteronmangel beruhen und damit mögliche Einnistungsschwierigkeiten anzeigen. Durch die Therapie verlängert sich die Lutealphase. Dies wird in der Zykluskarte sofort sichtbar.

Die gesamte Diagnostik und die hormonelle Zyklustherapie ist durch die Verwendung der Zykluskarte erheblich individueller und damit effektiver.

In den FertilityCare-Kursen erlernen die Frauen das Beobachten der Biomarkern wie z. B. den periovulatorischen Zervixschleim oder das Blutungsmuster. Diese Biomarker werden täglich nach einem bestimmten Codiersystem in einer Zykluskarte notiert. So entsteht das individuelle Zyklusmuster.

5.5 Der Eierstock ist keine Insel im Körper der Frau

Die Funktion der Eierstöcke und damit der Menstruationszyklus wird durch eine Fülle verschiedener innerer und äusserer Faktoren erheblich beeinflusst – positiv und negativ. Im Folgenden werden die wesentlichen kurz genannt:

5.5.1 nichtgynäkologische Hormonachsen

Im Hinblick auf die nichtgynäkologischen Hormonachsen werden im Rahmen der Basisdiagnostik alle üblichen Serumspiegel untersucht: TSH, Prolaktin, Androgene, usw. Darüber hinaus werden systematisch weitere Hormonachsen, die einen Einfluss auf die endokrine Funktion der Ovarien haben, untersucht. Die Therapie der Störung besteht in der üblichen endokrinologischen Therapie der Funktionsstörung und erfolgt, falls nötig, interdisziplinär mit den internistischen Endokrinologen: L-Thyroxin bei Hypothyreose, Bromocriptin bei Hyperprolaktinämie, etc.

5.5.2 Immunologische Ursachen

Verschiedene immunologische Pathologien wie z. B. Allergien, Nahrungsmittelintoleranzen oder andere auto-immune Erkrankungen können die Fertilität herabsetzen. Die Hashimoto-Thyreoiditis ist ein Beispiel dafür. In den letzten Jahren haben sich Hinweise verdichtet, dass Störungen des gastro-intestinalen und vaginalen Mikrobioms auch eine relevante Rolle spielen können. Im klinischen Alltag sehen wir häufig Patientinnen, die von einer gezielten Anpassung der Ernährung profitieren und von verbessertem Wohlbefinden und Gewichtsnormalisierung berichten. Die Therapie umfasst neben medikamentösen Therapien auch Ernährungsumstellung, den Einsatz von Prä- und Probiotika sowie gezielte Nahrungsergänzungsmittel.

5.5.3 Lifestyle

Allgemein bekannt ist der Einfluss von ‚Lifestyle‘-Faktoren wie Gewicht, Stress, Nikotin-, Alkohol- oder Koffeinabusus auf die Fruchtbarkeit von Mann und Frau. Daher ist vor Beginn jeder Therapie eine Optimalisierung dieser Faktoren sinnvoll. Daneben können emotionale, psychische und körperliche Belastungssituationen zu teilweise erheblichen Zyklusstörungen führen. Ein gesunder Lebensstil, ausreichend Sport und Entspannung und vor allem das Genießen der schönen Dinge im Leben sind ebenfalls Gegenstand der Therapie. Selbstverständlich spielt das Alter der Frau eine Rolle. Das maximale Alter für eine Therapie in der FertilityCare-Klinik liegt darum bei 45 Jahren.

5.5.4 Organische Ursachen

Eine regelrechte Anatomie und Physiologie der weiblichen Geschlechtsorgane bzw. des kleinen Beckens ist Voraussetzung für eine Konzeption und den Erhalt einer Schwangerschaft. Im Rahmen der Basisdiagnostik ist daher eine gynäkologische Untersuchung und vaginaler Ultraschall von erheblicher Bedeutung. In Zusammenschau mit der Vorgeschichte der Patientin (z. B. gynäkologische Voroperationen, Infektionen im Bauchraum, etc.) lässt sich die Notwendigkeit eines diagnostischen oder therapeutischen operativen Eingriffs einschätzen. Zu den Indikationen für eine operative Sanierung der Fertilität gehören Endometriumpolypen, Adhäsionen, Endometriose, fortgeschrittenes PCOS ebenso wie Tubenobliterationen oder Myome. Alle diagnostischen bzw. therapeutischen operativen Eingriffe haben zum Ziel, die Fertilität der Patientin so zu verbessern, dass eine Konzeption ermöglicht wird. Während der letzten Jahrzehnte hat die restaurative chirurgische Therapie dank der Verwendung von minimal invasiven OP-Techniken, dem Einsatz von Lasertechnik, der Verbesserung von Adhäsionsprophylaxen große Fortschritte erzielt.

Die genannten vier Pfeiler der Diagnostik und Therapie sind die standardisierte Vorgehensweise bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Die Überlegenheit der Therapie in unserer Klinik liegt in der sehr detaillierten, standardisierten und umfangreichen Diagnostik und der individuellen Therapie.

6. Und die Resultate?

Im Prinzip ist die Chance auf eine Lebendgeburt mit einer Therapie in der Fertilitycare-Klinik vergleichbar mit der bei künstlicher Befruchtung (s. o.): In einer Studie an 1.000 Paaren in einer Klinik gingen im untersuchten Zeitraum 25% aller behandelten Paare mit einem reifen Neugeborenen nach Hause.[7] Die statistischen Methoden sind nicht direkt vergleichbar, aber die Resultate geben einen guten Vergleichsansatz.

6.1 Keine erhöhten Schwangerschaftskomplikationen

Jede Schwangerschaft wird regelmäßig kontrolliert auf eventuelle Mängel der mütterlichen Hormone Östrogen und Progesteron. Defizite können das Risiko für Aborte, Frühgeburten, Blutungen etc. erhöhen. Eine frühe und konsequente Substitution unter Kontrolle der Serumspiegel senkt dieses Risiko. In Studien wurde nachgewiesen, dass mit NaPro-Technology keine Erhöhung der Frühgeburtlichkeit oder niedrigere Geburtsgewichte gegenüber der Normalbevölkerung auftreten.

7. Diagnostik und Therapie des Mannes

Zu Beginn eines jeden Therapietrajektes bei der Frau erfolgt eine Objektivierung der männlichen Fertilität. Dies geschieht durch ein Spermiogramm. Ist dieses normal und liegen keine relevanten Erkrankungen vor, so werden zunächst keine weiteren Maßnahmen beim Mann ergriffen. Ist dieses jedoch pathologisch, so erfolgt eine weitere Diagnostik und Therapie – analog zur Vorgehensweise bei der Frau.

Das Spermiogramm stellt das Resultat von zugrundeliegenden Pathologien dar. Ist z. B. die Beweglichkeit der Samen eingeschränkt, so stellt sich die Frage, warum dies so ist. Entsprechend erfolgen weitere diagnostische Maßnahmen: urologische Untersuchung, Ultraschall, Hormonkontrollen, Antibiogramm, Kontrolle auf immunologische Faktoren und natürlich die Eruierung von Lifestyle-Faktoren (z. B. Überwärmung, Übergewicht, Nikotin- oder Koffeinabusus, etc.) Je nach Abweichung wird diese entsprechend therapiert: hormonell, antibiotisch, etc.

Auffallend viele Paare sind über die Therapiemöglichkeiten bei männlicher Subfertilität wenig oder gar nicht informiert. In der Regel gehen die Therapien beim Mann, auch hormonelle Therapien, mit wenig Nebenwirkungen einher. Schwierig ist die prätherapeutische Einschätzung des möglichen Therapieerfolges: ob eine (hormonelle) Therapie die gewünschte Verbesserung ergibt, lässt sich oft nicht vorhersagen. Ein offenes Gespräch mit dem Paar ist daher erforderlich.

Kasten

Ein Beispiel

Ein Paar kam mit primärer Sterilität, beide etwa 35 Jahre, seit 9 Jahren Kinderwunsch

Frau: unregelmäßige Zyklen, keine ausreichende Follikelreifung, sonst keine Erkrankungen

Mann: zu wenig Samenzellen

Therapie beide: Hormone, Lifestyle
Nach 1 Jahr Konzeption, ausgetragene Schwangerschaft

 

8. Medizinische und soziale Rahmenbedingungen für eine Therapie

Wie für alle Behandlungen gibt es auch für die Kinderwunschbehandlung in der FertilityCare-Klinik Bedingungen und Grenzen. Beim Mann ist zum Beispiel eine Mindestanzahl funktionsfähiger Spermien nötig. Ist dies trotz Therapie nicht zu erreichen, ist eine natürliche Konzeption nicht möglich.

Bei der Frau können schwere Endometriose, Verklebungen im kleinen Becken, oder die Undurchlässigkeit beider Eileiter Grenzen der Therapiemöglichkeiten darstellen.

Bei der Entwicklung der Therapie stellte sich die Frage, inwieweit der behandelnde Arzt für das Wohlergehen des Kindes mitverantwortlich ist, das durch seine Behandlung entsteht. Eine intensive Befragung der Paare nach ihrer finanziellen, psychologischen und sozialen Situation wie z.B. bei einer Adoption liegt nicht im Aufgabenfeld des Arztes. Daher wurde ein einfaches und objektives Kriterium gesucht: Paare, die verheiratet sind, bleiben statistisch gesehen länger zusammen als unverheiratete Paare. So wurde als Rahmenbedingung für eine Therapie die Eheschließung des Paares zugrunde gelegt. Ein weitgehend vergleichbares Vorgehen verwenden die deutschen Krankenkassen bei der Vergütung der künstlichen Befruchtungen.

9. Gemeinsame Fruchtbarkeit: soziale, psychologische und paardynamische Komponenten

Die oben beschriebenen Therapien zur Verbesserung der Fruchtbarkeitsproblematik sind vor allem medizinische Handlungen.

Unbestreitbar ist jedoch die soziale, psychologische und paardynamische Komponente der ungewollten Kinderlosigkeit. Die Belastung der gesamten Lebensführung und Lebensfreude vieler Paare durch den unerfüllten Kinderwunsch ist erheblich, ihr Leiden daran ist erschütternd. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn „fast 100 Menstruationen und damit 100 Enttäuschungen habe ich schon hinter mir“, erzählte mir eine Patientin im Erstgespräch. Sie ist kein Einzelfall. Viele Paare kommen nach vielen Jahren unerfülltem Kinderwunsch und oft dicken medizinischen Akten. Mehr als 60% haben bereits andere reproduktionsmedizinische Therapie hinter sich.

Die ärztlichen Konsultationen in der FertilityCare-Klinik dauern in der Regel 45 bis 60 Minuten. Über die medizinischen Fragen und Analysen hinaus steht die Gesamtsituation des Paares im Zentrum des Gesprächs. Das Paar ist der Hauptakteur, es trifft die Entscheidungen über die Therapie, die sie betrifft. Der Arzt stellt die Therapiemöglichkeiten vor, überwacht die Sicherheit der Therapie, optimiert die Behandlung. Das Paar „lässt es nicht über sich ergehen“, sondern ist aktiv in jede Entscheidungsfindung einbezogen. Es wird Nachdruck auf die gemeinsame Fruchtbarkeit des Paares gelegt: Keiner ist der ‚Schuldige‘, sondern die gemeinsame Fruchtbarkeit wird angenommen. Themen wie erfüllte Sexualität und Intimität sind elementarer Bestandteil der Gespräche. Die Paare werden ermutigt, ihre Intimität nicht ‚nach der Uhr‘ zu leben, nur im Hinblick auf das Zeugen eines Kindes. Sie werden bestärkt darin, die eheliche Gemeinschaft als Ausdruck ihrer Liebe zueinander wieder (neu) zu entdecken. Für viele Paare ist dies nach jahrelanger Zentrierung auf wenige Tage, manchmal Stunden im Monat eine echte Befreiung.

10. Beratung und Ermutigung – die FertilityCare-Beraterinnen

Eine Schlüsselrolle in der Begleitung der Paare haben die FertilityCare-Beraterinnen vor Ort. Sie sehen die Paare regelmäßig und sind für viele ein wichtiger Ansprechpartner. Sie kennen die Therapie und haben viel Erfahrung mit kinderlosen Paaren. Die Ausbildung der Beraterinnen, ein einjähriges Programm, umfasst auch psychologische, ethische, spirituelle und moraltheologische Elemente. Gläubige Paare haben auch die Möglichkeit, mit den Beraterinnen zu beten, wenn sie dies wünschen. „Vielleicht bekommen wir kein Kind“, fasste eine Patientin (die inzwischen Mutter ist), einmal zusammen, „aber wir haben durch diese Behandlung wieder zueinander gefunden“.

11. Anders fruchtbar sein

Wenn bei einem Paar die Chancen auf eine Schwangerschaft nicht ausreichend gegeben sind, ist es wichtig, über andere Formen des Fruchtbar-Seins zu sprechen. Für manche Paare kann ein Adoptionsprozess eine Option sein, für andere das Annehmen eines Pflegekindes oder ehrenamtliches Arbeiten. Das offene Gespräch mit dem Paar ist Teil der Konsultationen mit dem Arzt und der Gespräche mit den Beraterinnen.

12. Elternsein ermöglichen statt „Kinder machen“

Zusammenfassend umfasst die wiederherstellende Reproduktionsmedizin bewährte Methoden, die die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit strukturiert und konsequent aufdecken und durch moderne konservative und chirurgische Therapieprotokolle behandeln. Ziel ist die Wiederherstellung der Fruchtbarkeit des Paares, sodass eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg erreicht werden kann. Im Zentrum steht das Paar mit seinen individuellen medizinischen, psychologischen, sozialen und spirituellen Fragen, Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Im engen Zusammenspiel mit der ärztlichen Betreuung steht die FertilityCare-Beraterin, die den Paaren nicht nur Einsicht in die Zyklustätigkeit vermittelt, sondern ihnen auch als Begleiterin auf diesem Weg zur Seite steht. FertilityCare, Sorge tragen für die Fruchtbarkeit, ist nicht nur der Name, sondern auch die Grundeinstellung aller Mitarbeiterinnen. Fruchtbarkeit gehört zum Menschen, ist eine Gabe und zugleich eine Aufgabe.

Eine unserer Beraterinnen hat es einmal so formuliert: „Wir sind nicht Gott, wir machen keine Kinder. Aber wir ermöglichen es Paaren, Eltern zu werden.“

Letzter Zugriff auf sämtliche Webseiten am  9.8.2023.

  1. Deutsches IVF-Register (D·I·R), Jahrbuch 2021 inklusive FertiPROTEKT, Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie, Sonderheft 4/2022, www.deutsches-ivf-register.de/perch/resources/dir-jahrbuch-2021-deutsch-1.pdf.
  2. Vgl. ebd.
  3. The International Institute for Restorative Reproductive Medicine, About Us, iirrm.org/about/.
  4. Vgl. The International Institute for Restorative Reproductive Medicine, www.iirrm.org.
  5. Weiterführende Informationen bei Fertility Care, www.fertilitycare.de.
  6. FertilityCare Klinik, Katholisches Karl-Leisner-Klinikum, www.kkle.de/fertilitycare-klinik.
  7. Stanford J. B., Parnell T. A., Boyle P. C., Outcomes from treatment of infertility with natural procreative technology in an Irish general practice, J Am Board Fam Med (2008); 21(5): 375-84.